Vom „Mitleid“ hin zu mehr „Mitgefühl“

Vom „Mitleid“ hin zu mehr „Mitgefühl“

Nicht selten kommen wir in Situationen, in denen wir mitleiden und/oder mitfühlen. In meiner Praxis begegnen mir immer wieder Menschen mit ihrem Leid und dem Wunsch, einen Weg daraus zu finden: Sei es das Selbst-Mitleid, Mitleid und Mitgefühl mit anderen, das aus aktuellen Anlässen, oft aber auch frühere schmerzhafte Erlebnisse, die wieder in Erinnerung gebracht werden.

Mitleid und Mitgefühl werden oft als Synonym gebraucht. Obwohl es immer wieder Überschneidungen gibt, ist hier eine Differenzierung notwendig.

Mitleid: Das Wort beinhaltet das „Leid“.  Leid mitzuerleben, eigenes oder das von anderen, wird uns in unserem Leben nicht erspart bleiben. Schmerz ist nicht vermeidbar, er gehört zu den Wechselbädern des Lebens. Ein leidvolles Durchleben mit unterschiedlich, wechselseitig bedingten Phasen – ohne Verdrängung – ist ebenso Teil des Lebens. In diesem Annehmen, Durchleben des Schmerzes, wie Trauer, können wir uns in einer Tiefe erleben und begegnen, die fern ab aller Oberflächlichkeiten, Ablenkungen und sonstiger Beschäftigungen, liegen. Hier wären wir schon beim Mitgefühl. Eine Begleitung in dieser Richtung, wie sie in der Hospizarbeit z. B. erfolgt, wäre wünschenswert als Lebensbegleitung im allgemeinen Bildungssystem.

Obwohl diese Forderung immer lauter wird, Öffentlichkeitsarbeit in dieser Richtung schon viel mehr stattfindet, ist dennoch ein Festhalten des bisherigen Systems mit der Tabuisierung des Themas Angst, Tod und Leid  zu beobachten. Eigene Ängste kommen hoch, werden verdrängt.

Ein Zulassen des Durchlebens mit Tränen, auch gemeinsamen Tränen, rückt ins Mitgefühl = ein gemeinsames Fühlen, Wahrnehmung, Annehmen, was gerade ist.
Im Mitleid bin ich nicht im Akzeptieren und Fühlen, sondern verharre mehr im leidvollen Denken, wo ein Verarbeitungsprogramm interpretierend im Kopf stattfindet als innerer Kampf: „das darf nicht wahr sein“, „das will ich nicht“.
Weint heute ein Kind oder auch ein Erwachsener, wird schnell getröstet „ach, das ist doch gar nicht so schlimm…“, „Ein Indianer weint doch nicht!“, „Stell dich nicht so an“, „Reiß dich zusammen…“. Diese verinnerlichten Glaubenssätze unterdrücken das Gefühl, denn man hat ja zu funktionieren. Aber ein Kind (auch ein Erwachsener), das traurig ist, möchte zunächst ernst- und wahrgenommen werden, seine Trauer durchleben, zeigen dürfen, statt ein schnelles Wegtrösten: „Ist doch nicht so schlimm…“.

Unter „Mitleid“ verstehe ich das eigene Leid, das durch ein Leiden anderer angestoßen werden kann, wenn z. B. Gefühle verdrängt werden durch traumatisierende oder verletzende früheren Ereignissen, die so schmerzhaft waren und – meist unbewusst – deshalb nie wieder gefühlt werden wollen. In diesem Verdrängungsprozess wird ein Schutzmantel umgelegt, der vor dem Leid schützen soll, aber so auch keine Gefühle durchlässt. Menschen leiden darunter, wenn sie dann weder weinen noch lachen können.

Die Leidensgeschichten aus der Vergangenheit werden von vielen immer wieder hervorgehoben als Erklärungen für heutige Missgeschicke. „Weil ich von Person X abgelehnt wurde, werde ich heute wieder von XY abgelehnt.“

Leid wird als Hoffnungslosigkeit erlebt, der man sich ohnmächtig als Opfer ausgeliefert wähnt. Und ein Opfer fragte sich oft: Wer hat Schuld an dieser Situation? Bei einer Schuldzuweisung ist keine Veranlassung der Änderung des eigenen Verhaltens gegeben, Erklärungen liefern Beweise. Oder im Selbst-Mitleid gibt man sich selbst immer wieder die Schuld „ach, hätte ich doch da und da anders gehandelt…“. Auch hier bleiben viele im Opfer- oder Dramaland, um keine Verhaltensänderung vorzunehmen und Verantwortung für sich selbst, für die eigenen Emotionen, zu übernehmen. Ein anderer kann nur verletzen, wenn ein wunder Punkt getroffen ist. Ist dieser mit erlebten schmerzhaften Emotionen verknüpft, wird oft nur der andere angeklagt, die eigenen Emotionen meist erklärend verdrängt

Während bei Mitleid oft ängstlich und übervorsichtig reagiert wird durch das Denken:  „mache ich das jetzt hier richtig“, „was denkt der/die andere?“ bin ich beim Mitgefühl wirklich im Gefühl mit mir selbst. Vom Selbst-Mitleid komme ich mehr ins Mit-Gefühl und dann kann ich auch mit dem anderen mitfühlen. Gemeinsam kann geweint, gelacht, Stille erlebt werden. Hier haben keine angsterfüllten Gedanken Platz, = gemeinsames Jetzt-Erleben. Im wahrnehmenden Jetzt ist keine Angst, sondern Akzeptanz, Achtsamkeit.

Mitleid zieht `runter, oft begleitend mit leidvollen Gedanken aus der Vergangenheit oder in die sorgenvolle Zukunft. Mitgefühl ist eine tiefe Erfahrung, die im Jetzt gefühlt wird, auch in einem tiefen gemeinsam gefühlten Schmerz. Ich habe es so erlebt, dass gerade dann auch eine Welle der Dankbarkeit beidseitig mitschwingt. In dieser Akzeptanz und Hingabe an diesen gemeinsamen Moment befinde ich mich nicht in der leidvollen Opferrolle.

Kinder können sehr gut Mitgefühl zeigen. Sie geben sich unvoreingenommen der Situation, auch der Trauer, des Schmerzes, voll hin. Sie leben im Jetzt, gehen dadurch, und indem sie dadurch gehen, kommen sie wieder in ein anderes, z. B. in ein freudiges Gefühl. Sie sorgen für sich. Hier kommt das Selbstwertgefühl mit hinein. Wenn ich selbst für mich sorge, Verantwortung für mich übernehme, erst dann kann ich auch für andere sorgen.

Mit dem Annehmen des Schmerzes und des damit verbundenen Leids verharre ich nicht mehr im Kampf gegen das Schicksal, sondern komme erst dadurch in ein tiefes Gefühl – Mitgefühl mit mir selbst und anderen.

Annehmen heißt nicht: Aufgeben.

Im Gegenteil:
„Was du bekämpfst, bleibt bestehen
was du akzeptierst, kann sich ändern
was du segnest, kann heilen.
Finde deinen Segen auch in den unangenehmen Gaben Gottes. Sie sind das Tor zu deiner Seele.“
(Cora Brandt)

Mitarbeitern in sozialen Berufen kann es passieren, dass sie statt ins Mitgefühl mehr ins Mitleid rutschen. Hinzu kommt, dass bei einem schwachen Selbstwertgefühl eigene Ängste mit ins Spiel kommen.  Doch wie wollen sie ohne gesunde Distanz, die eher im Mitgefühl des jetzigen Augenblicks gewahrt werden kann, helfen? Da gibt es die „hilflosen Helfer“ (Schmidbauer),  die gerade in herausfordernden Berufen wiederum Unterstützung benötigen.

„Kinder,  besondere Menschen mit Handicaps, Alkoholiker, kranke und alte Menschen sind die besten Psychologen – sie finden treffsicher die Punkte.“
Das Positive in diesen Berufen liegt jedoch darin, dass sie schneller an ihre „wunden Punkte“ kommen und so die Möglichkeit haben, diese durch Unterstützung im Team, Supervision, Beratung oder auch allein durch Bewusstwerden, heilen und somit daran wachsen können – schneller jedenfalls als in anderen Berufszweigen. (dazu gibt es Auswertungen)
Leid und Schmerz ist an sich nicht das Problem, sondern der Widerstand gegen den Schmerz.

Kann ich wirklich unterstützen, wenn ich im Leid hängenbleibe? Dass ich auch Leid wahrnehme und durchlebe ist menschlich. Nur das einseitig fokussierte jahrelange Festhalten daran macht es problematisch und leidvoll. Gefühle wollen akzeptiert, gefühlt, durchlebt werden und dann lösen sie sich wieder auf, ziehen vorbei wie Gedanken. Akzeptieren, auch wenn es für den Verstand zunächst nicht nachvollziehbar ist.

Über das Gefühl komme ich zur Intuition, nicht über leidvolle Gedanken. Mit Intuition habe ich ein größeres Wahlspektrum, erfasse intuitiv, welche Handlungsweise jetzt richtig ist. Hiermit komme ich mehr in einen inneren Frieden, wenn Denken, Fühlen und Handeln kongruent sind.

Im Widerstand gegen das Leid „warum passiert das mir? Muss das sein…? Was  haben mir XY angetan?“ verschlimmere ich den Zustand. Energie folgt der Aufmerksamkeit. Gehe ich immer wieder negativ geprägten Gedanken nach, fühle  und handle ich entsprechend und so erlebe ich es im Außen.
Hier erlebe ich es immer wieder, dass Menschen so in ihrem Leid verstrickt sind, dass frühere Erlebnisse jahrzehntelang mit Schuldzuweisung wieder ins Jetzt geholt und immer wieder erlebt und aufgewärmt werden. Es kann dann schon von einer Kritik-  und Leidsucht gesprochen werden. Hier helfen keine Gegenargumente, Gespräche über das Verzeihen etc., weil es nur analysierend und schuldzuweisend begründet wird. Und die Aussage „Ja, ich habe schon längst verziehen“, wenn weiterhin darüber geklagt wird, signalisiert: „Verzeihen“ erfolgt hier über den Kopf, aber wurde nicht mit dem Herzen gefühlt. Erst wenn es wirklich gefühlt wird, kann die jeweilige Situation wirklich verstanden und geheilt werden.

Erinnerungen und Gefühle können immer mal wieder hochkommen. Sie noch einmal zu fühlen, sich davon berühren zu lassen, sind natürliche Teilaspekte des Lebens. So werden sie nicht unterdrückt, sondern gefühlsmäßig möglicherweise noch tiefer verstanden, so dass sie dann auch wieder vorüberziehen. Ein Sich-Wehren, Dagegenstellen gegen unangenehme Gefühle lässt sie durch diese mit rationalen Erklärungen erfolgte Verdrängung immer wieder anklopfen, bis sie fühlend angekommen werden. „Ein Problem liebt dich solange, bis du es gefühlt angenommen hast.“

„Die wahre Quelle für Gelassenheit und Wohlbefinden ist nicht das Erlangen dessen, was ich möchte, sondern das Annehmen dessen, was ich bekommen habe.“ (Balzac)

In der hinführenden Akzeptanz des Schmerzes – das ist sicher auch erst einmal ein Prozess dahin – komme ich nicht in Wut-, Schuldzuweisungs- und Verzweiflungsgedanken, die bis dahin auch ihren Platz haben und sein dürfen!, sondern erlebe, dass auch in schwierigsten Situationen schöne Momente enthalten sind, die gerade dann besonders geschätzt werden können. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich als Kind daran, dass unser Vater uns Kindern von seiner Kriegszeit in Afrika nur von seinen kleinen positiven Erlebnissen, die dadurch eine besondere Größe enthielten, erzählte.

Auch von kranken besonderen Kindern können wir lernen, welche Tiefe und Freude trotz Einschränkungen – oder gerade deshalb – wir im gemeinsam gefühlten Schmerz erleben dürfen.

Vom Mitleid – von dem wir sicher nicht abgetrennt sind – immer mehr ins Mitgefühl zu gelangen ist ein tiefer, dankbarer Prozess, der eigentlich nicht erklärt, sondern nur erlebt und erfahren werden kann. Gedankenvoll besetztes Leiden trennt (zerreißt innerlich „zwei Seelen in meiner Brust“ kämpfend), dagegen verbindet gefühlvoll gemeinsam durchlebter Schmerz. „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ meint sicher das Gefühl. Trage ich hingegen das Leid des anderen auf meinen Schultern, trage ich doppeltes Leid.
E. Tolle „Die Wirkungsweise des Schmerzkörpers“ (YouTube) sieht im Leid und Mit-Leid den Widerstand und die Identifikation mit der Form, dem Körper, während Mitgefühl ein Annehmen des Jetzt-Momentes, Wahrnehmen von innen ist. Im gefühlten Annehmen der Situation, des Leids, des Schmerzes reagiere ich intuitiv von innen heraus, komme dadurch zu neuen, ggf. auch schönen, tiefen Erfahrungen. Im Mitleiden verharre ich oft in wiederholenden leidvollen Gedanken und Emotionen.

Heute geht es weniger darum, Wissen anzueignen (es kann alles „gegoogelt“ werden), sondern um die Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, und wie wir sie wahrnehmen:

  • Mitleidend: gedanklich festhaltend, schmerzhaft, leidvoll klagend, schuldzuweisend interpretierend,  „Ist das nicht schrecklich…?“, oder
  • Mitfühlend: im Jetzt durchlebend mit Leid und Schmerz und allem was dazu gehört, annehmend, das heißt: Ein absolutes JA zum Leben!

Jedenfalls ist es der Weg dorthin: Von zunächst vorhandener Wut, Verzweiflung, Ohnmacht, wo ein innerer Kampf tobt – in einem Prozess hin zu mehr Akzeptanz auch dieser Verarbeitungsphasen, die nach innen ins Gefühl und Mitgefühl führen. Dadurch entsteht eine neue, tiefe Erfahrung des Lebens, die mich weiter wachsen lässt.

 

Weiterführende Literatur hierzu, u. a.: Eckhart Tolle: Jetzt; Peter Beer: Die Essenz der Achtsamkeit; Robert Beetz, Gerald Hüther, Joe Dispenza (YouTube)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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