Funktionieren wir nur noch – oder leben wir schon?

Funktionieren wir nur noch – oder leben wir schon?

In den letzten Monaten häufen sich meine Beratungsgespräche mit dieser im Hintergrund schwebenden Frage.

Funktionieren – so gut es geht

Wir haben gelernt zu funktionieren. Vieles wird uns beigebracht, wie das Leben funktioniert, wie „man“ sich zu verhalten hat. Bewusst und unbewusst werden vertraute Verhaltensmuster übernommen, mit denen man sich mehr oder weniger sicher „durchs Leben schlägt“.  Diese Muster sowie unsere Reaktionen darauf sind gespeichert, laufen sozusagen auf „Autopilot“, sichern eine Überlebensstrategie. Viele dienen uns ein Leben lang, andere gespeicherte Reaktionsmuster blockieren uns, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Denn vieles läuft nicht so wie erwartet:

Das Leben funktioniert nicht immer nach unseren Vorstellungen. Viele stoßen im privaten und/oder beruflichen Feld an ihre Grenzen, fühlen sich von den Anforderungen überfordert. Depression und Burnout sind oft das Ergebnis eines Verhaltens gegen die eigene Natur oder eines Verzettelns einhergehend mit programmierten Glaubenssätzen:

„Ich muss: … das schaffen, das leisten, den Anforderungen der anderen entsprechen…, d. h. „Ich muss funktionieren!“

Mit dieser Erwartungshaltung an sich selbst und an andere bleiben Enttäuschungen nicht aus. Verhaltensweisen werden begründet und gerechtfertigt. Das funktioniert so lange, bis der Schmerz der Steigerung dieses Weges unerträglich wird und bestenfalls zu einem anderen Handeln zwingt.

Der Ratgeber: „love it, change it oder leave it“ lädt zu folgender Sichtweise ein: Die Situation oder die Person zu lieben, und wenn das nicht geht, sich oder die Situation zu ändern; und wenn das auch nicht geht, sie zu verlassen. Hier kommen schnell die Gründe, warum das nicht möglich sei: „Ich muss…. Geld verdienen, kann den Job nicht verlassen,  … das tun, sonst passiert das…“ D. h. „Ich muss funktionieren…“.

Im Funktionieren sind wir es oft gewohnt, uns nach anderen zu richten, also fremdbestimmt zu leben. Bleibt die nach diesem Muster ersehnte Anerkennung aus und verhalten sich die anderen nicht nach unseren Erwartungen, stürzt bei vielen ihre Welt ein.

Das Funktionieren-Thema gehört in das Feld der „Komfortzone“. Hier sind unsere erlernten Fähigkeiten – insbesondere unsere Gewohnheiten – zu Hause, hier kennen wir uns aus, es ist die bequeme „Sicherheitszone“, die unser Verstand dominiert und stets erklärend rationalisiert. Und diese Zone zu verlassen, sich auf ein neues Terrain einzulassen, d. h. einen neuen Weg gemäß der eigenen Lebensaufgabe einzuschlagen, scheint für viele absturzgefährdet nach dem unbewussten Motto: „Lieber das bekannte Unglück als das unbekannte Glück!“ Marc Twain beschreibt hierzu:

„Eine Angewohnheit kann man nicht aus dem Fenster werfen. Man muss sie die Treppe herunterprügeln: Stufe für Stufe.“

Die rationalen Gründe der angenommenen Verhaltensmuster haben nur einen egoistischen Zweck: Sich nicht zu ändern! Das wird auch weiter damit gerechtfertigt:  „Ich bin eben so!“ d.h., alles bleibt wie es ist! Kann es gern, aber dann darf auch nicht gejammert werden. Es geht darum, die Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen.

Das Funktionieren geht plötzlich „den Bach `runter“

Die Stürme des Lebens fegen manchmal so heftig durch unsere Komfortzone, dass diese in bisheriger Weise nicht mehr im alten Trott fortgeführt werden kann. Dazu eine kleine Story: „Eine Wasserratte wuchs mit Eichhörnchen auf einem über dem Wasser querliegenden Baumstamm auf. Sie hatte die Vorsichtsmaßnahmen, sich stets am Ast festzuhalten, um nicht abzustürzen, verinnerlicht und stets eingehalten. Plötzlich reißt im Sturm eines heftigen Gewitters der Ast ab und fällt samt Wasserratte ins Wasser!“

Schicksalsschläge sind oft Chancen, dem eigenen Leben, dem eigenen Lebensauftrag wieder näher zu kommen. In der jeweiligen Situation ist das schwer zu begreifen. Oft stellen wir aber im Nachhinein fest, dass wir aus dem größten Schmerz die größten Tugenden lernen, einen neuen Weg, der uns weiter gebracht hat, einschlagen konnten. Gerade in der Bewältigung einer Herausforderung kann aus einer sogenannten Schwäche eine Stärke hervorgehen. Aus dem größten Drama kann etwas Wunderbares, das größte Potential entstehen!

Wir haben die Wahl, wie wir einem Schicksalsschlag begegnen: Es als „Geschenk“ anzunehmen (für unseren Verstand zunächst absurd!) oder noch tiefer abzurutschen. Das „Geschenk“ kann wie eine Verpackung gesehen werden, die ein `Rangehen, Handeln: An- und Auspacken des oftmals verdrängten Problems bedeutet – doch dahinter liegt unser Geschenk!

Mut wird immer belohnt!

Aber in dem Schreck erfolgt die Reaktion aus Angst gemäß dem Stressverhalten: Angriffs-, Erstarrungs- oder Fluchtweg.
Im Angriff greife ich zur Schuldzuschreibung, in der Erstarrung gebe ich auf, fühle mich ohnmächtig ausgeliefert und im Fluchtweg umschiffe ich die unliebsame Angelegenheit. Doch solange dieses Verhaltensmuster nicht gelöst/geändert ist, kehrt es immer wieder zurück, und dann heftiger.

Jedoch muss es nicht soweit kommen. Ein Schicksalsschlag ist keine Grundvoraussetzung für eine Verhaltensänderung.

Im Leben ankommen

Über die eigene Lebensaufgabe, das individuell Erstrebenswerte wird innerhalb der bequemen Komfortzone selten nachgedacht. Selbst das Wissen um die Dinge, wie ein glückliches Leben funktioniert, hat noch keine Veränderung gebracht. Schmerz und Drama können Motivationsschübe zum Handeln bewirken. Dabei klopfen schon lange Zeit vorher kleine Zeichen an in Form von Gedanken, Emotionen, körperlichen Empfindlichkeiten, die im Funktionieren der Lebensbereiche überhört und anders begründet werden.

Leben bedeutet insbesondere: Annehmen – und zwar alles, Freud und Leid gehören dazu. Das Leben – wie wir auch selbst – hat nicht nur eine Seite der Medaille. Ein Kampf gegen das Schicksal erschwert die Situation. Hierzu ein Beispiel: Im Fernsehen wurde in diesem Jahr ein querschnittsgelähmter Mann mittleren Alters gezeigt, der nur noch sprechen, seinen Kopf und zwei Finger bewegen und mit einem Liegerollstuhl in das Einkaufsviertel fahren konnte. Das Interview war beeindruckend, wie freudig er sich zeigte, Kontakte aufnahm und anderen Menschen Mut machte.

Es geht also darum, das eigene Leben wieder selbst-verantwortlich in die Hand zu nehmen. Wir sind der Hauptdarsteller in unserem Lebens-Film, können auch gleichzeitig Regisseur und Zuschauer (Beobachter) sein, und ggf. eigenständig eingreifen.

Leben ist  Veränderung, beginnend bei den Gedanken (siehe hierzu meinen Blog-Beitrag: „Anders denken, besser fühlen“).

Verlassen wir unsere Komfortzone, folgt die Wachstumszone. Ändern wir uns, ändert sich auch das Umfeld, nicht umgekehrt.

Frieden in sich selbst zu finden ist der Übungs- und Königsweg in unserem Leben. Nächstenliebe wird oft falsch verstanden, nämlich sich aufopfern, zuerst für die anderen da sein, …
„Der Meister kümmert sich erst um sich selbst, dann kümmert er sich um seine Schüler.“ Jeder kann nur das geben, was er hat.

Werden alte Verhaltensweisen erkannt und verabschiedet, können neue, uns wirkliche Freude bringende „installiert“ werden. Erst wenn wir verstehen, dass uns das Verhaltensmuster dahin gebracht hat, wo wir heute stehen, können wir Änderungen vornehmen. Allein ist es oft schwierig, sich selbst aus „dem Sumpf zu ziehen“, aber mit professioneller Hilfe können neue Wege erkannt und gegangen werden. Dazu gehört die Bereitschaft, dies zu wollen.

Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe, Ausreden.

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